Jacques Tati

Die Stadt des Monsieur Hulot. Jacques Tatis Blick auf die moderne Architektur
19.02.2004 - 02.05.2004
Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne

"Dank einer ausgeprägten Beobachtungsgabe, die vielleicht stärker ist als mein Sinn für Humor, möchte ich das Überleben des Individuums in einer Umwelt hervorheben, die mehr und mehr entmenschlicht wird."
Jacques Tati

Jacques Tati (1907-1982) hat als Regisseur nur fünf Kinofilme gedreht: ”Jour de Fête” (Tatis Schützenfest) 1949, ”Les Vacances de Monsieur Hulot” (Die Ferien des Monsieur Hulot) 1953, ”Mon Oncle” (Mein Onkel) 1958, ”PlayTime” (Tatis herrliche Zeiten) 1967 und ”Trafic” (Tati im Stoßverkehr) 1971. Aber diese Filme und die von ihm geschaffene Figur des Monsieur Hulot reichten aus, ihm den Ruhm als einer der bedeutendsten Komödienregisseure und Komiker der Filmgeschichte zu sichern. Mit dem vom ihm selbst gespielten Monsieur Hulot präsentiert Tati einen schüchternen, liebenswerten Mann mit Hochwasserhosen und Ringelsocken. Hulot scheint den technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Neuerungen sowie vor allem der modernen Architektur hilflos ausgeliefert zu sein, aber in dieser Rolle macht er die Probleme der Modernisierung erst bewusst.

In "Mon Oncle" werden städtebauliche Gegensätze drastisch aufgezeigt: Durch eine halb abgebrochene Mauer ist ein altes intaktes Pariser Stadtviertel, in dem Monsieur Hulot lebt, getrennt von der am Reißbrett geplanten, hochmodernen Siedlung, in der auch die Familie Arpel wohnt. Hulots Schwester, Madame Arpel und ihr Mann sind Opfer ihres überorganisierten, entmenschlichten Lebensstils. Die Villa Arpel wird zum Inbegriff des modernen Wohnens. Das Prestigegehabe von Villenbewohnern ist nie auf eine so herrliche Metapher gebracht worden wie in den Szenen mit dem wasserspeienden Blechfisch im Garten der Arpels, der nur angestellt wird, wenn ein "wichtiger Besucher" kommt.

Der Film "PlayTime" spielt mitten in einem Paris der Zukunft, das aber nur stellvertretend für alle großen Städte dieser Welt steht. Für diesen Film hat Tati zusammen mit dem Filmarchitekten Jacques Lagrange auf einem Areal von 15.000 Quadratmetern vor den Toren von Paris die gigantische, auf Schienen bewegliche Kulissenstadt "Tativille" errichten lassen. Ein Flughafengebäude, ein Bürogebäude, ein Supermarkt und eine Ausstellungshalle sowie ein Nobelrestaurant - austauschbare Plätze, die sich in jeder westlichen Metropole finden – werden im Film für 24 Stunden das Spielfeld einer amerikanischen Touristengruppe, die vergeblich das alte Paris sucht. Gleichzeitig versucht Monsieur Hulot in diesem Labyrinth von Gängen und Büroräumen einen Freund zu besuchen. Der Film ist auch eine Kritik an den damals entstehenden neuen Stadtvierteln wie Gare Montparnasse, die Trabantenstadt Sarcelles oder das Geschäftsviertel "La Défense" in Paris. Letztlich ist "Playtime" eine radikale Abrechnung mit der Moderne und ihren Folgen.

Tatis letzter Kinofilm – "Trafic" stellt Auto und Verkehr in den Mittelpunkt der Handlung. Monsieur Hulot soll einen mit allen möglichen technischen Feinheiten ausgestatteten Campingwagen von Paris nach Amsterdam auf eine Automobilmesse bringen. Die Fahrt wird allerdings mit kleinen und großen Hindernissen immer wieder gestört, so dass Hulot erst zum Ende der Messe in Amsterdam ankommt.
Tati hält den Menschen einen Spiegel vor, in dem sie die Auswirkungen von Architektur, Städtebau und der sich mit der Moderne wandelnden Lebenswelt auf sich selber sehen können. Tatis Filme können somit auch als ”Interpretation" der Träume und Konzepte moderner Architekten und Städtebauer verstanden werden, die eine bessere Welt errichten wollten, aber häufig nur alte Lebensformen zerstörten und neue Alpträume schufen. Die Ausstellung ist deshalb entsprechend Le Corbusiers ”Charta von Athen” (1943) gegliedert, denn deren Leitbegriffe - Wohnen, Arbeiten, Verkehr, Freizeit und Kulturerbe - bestimmten vielfach den Wiederaufbau und Neubau der Städte nach 1945.

Standbilder, Fotografien, Originalzeichnungen, ein Modell der Villa Arpel im Maßstab 1:10 und erläuternde Filmdokumente vermitteln ein Bild von Tatis Arbeit und vom zeitgeschichtlichen Hintergrund. In einem kleinen Ausstellungskino werden täglich "Mon Oncle" und "PlayTime" gezeigt.

”La Ville en Tatirama” wurde vom Institut français d’architecture (Ifa) / Cité de l’architecture et du patrimoine erarbeitet und in Kooperation mit ”Les Films de Mon Oncle” und dem Institut National Audiovisuel (INA) in Paris produziert. Sie wird vom Architekturmuseum der TU München übernommen und präsentiert.



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Begleitprogramm:
• Jacques Tati: "Mon Oncle"
• Jacques Tati: "PlayTime"
• Jacques Tati: "Trafic"

Publikationen:
• Die Stadt des Monsieur Hulot. Jacques Tatis Blick auf die moderne Architektur